Benchmarking bei der Bahn

Dr. Hermann Kruse, CIO Deutsche Bahn Datum: 16.07.2013

Kommerzielle Benchmark-Betreiber gibt es reichlich. Die bekanntesten hierzulande sind:

– Gartner – der große internationale Player. Sehr gutes Renommee, gute Beratung.

– ISG – bestens etabliert, besser bekannt unter dem alten Firmennamen „Compass“. Die Wiesbadener firmieren seit anderthalb Jahren unter dem Namen des Sourcing-Beratungshauses.

– Maturity – kleiner, feiner Anbieter aus München. Seit zwölf Jahren im Geschäft. Gegründet von ehemaligen Gartner-Mitarbeitern.

– Lexta – kostengünstiger, nationaler Anbieter. Unter CIOs vielleicht besser bekannt als der Gastgeber zum „Rheingauer Kreis“, einer Gruppe von IT-Leitern, die seit 2006 regelmäßig die Ergebnisse ihrer Benchmarks diskutieren.

Dr. Hermann Kruse, seit 2005 Konzern-CIO bei der Bahn, lobt alle vier Anbieter für ihre arbeitsintensiven Vergleiche. Ebenso wie der IT-Dienstleister der Bahn „DB Systel“ unterhält der Konzern-CIO gleich mehrere Rahmenverträge mit Benchmarkern. Die Bahn unterliegt dem EU-Vergaberecht und muss diese Verträge regelmäßig ausschreiben. Wenn dabei die Benchmarker wechseln, hat Kruse damit allerdings auch kein Problem: „Das ist ein Beratungsgeschäft“, sagt der Konzern-CIO, „wenn die zu lange drin sind, richten sie sich häuslich ein.“

Aufgabe der kommerziellen Benchmarks sei es, der Preisgestaltung der Bahn zu dienen, sagt Kruse. Und dabei hätten sie ihren Zweck auch erfüllt: Bei Storage habe die Bahn früher ganz schlechte Werte eingefahren, bei Notes auch. Hier wurden die Preise auf das Niveau des ersten Quartils im Markt abgesenkt. Im Mainframe-Betrieb hingegen sei DB Systel viel zu bescheiden aufgetreten: „Die erhöhen da gerade die Preise. Das war noch unter dem ersten Quartil“, kommentiert der Nutznießer Kruse. Worauf es ihm bei derlei kommerziellen Benchmark-Details vor allem ankommt – selbst wenn sie an einigen Stellen Preiserhöhungen zur Folge haben: „Sie müssen mit denen im Haus nicht mehr groß missionieren. Da setzt sich relativ schnell was in Bewegung.“ Früher sei unheimlich viel Management-Zeit in das Verhandeln von Preisen abgedriftet. „Das macht keinen Spaß und bringt aus Konzernsicht nichts“, sagt Kruse. Aber die alte Preisdiskussion und die Emotionen seien jetzt raus: „Debatte versachlicht. Das ist richtig angenehm, auch für DB Systel.“

Bei aller Liebe zu kommerziellen Benchmarks fehlt dem Bahn-CIO allerdings etwas: „Wenn Sie den Preisvergleich haben, wissen Sie noch nicht, warum die anderen billiger sind.“ Kruse nimmt deshalb seit 2007 am Benchmark des CIO-Colloquiums teil, einem Zusammenschluss aus Konzern-CIOs, der voriges Jahr in VOICE aufging, dem zentralen Vertretungsorgan für CIOs in Deutschland. 22 Unternehmen aus diesem Kreis haben an der letzten Welle des Benchmarks teilgenommen: Kruse bewegt sich also in feinster Gesellschaft, in der „man auch mal tief reintauchen kann in Organisation und Management“. Der ein wenig elitäre Ansatz hat zwar zur Folge, dass die Zahl der Benchmark-Teilnehmer gering ist. Kruse stört das jedoch gar nicht: „22 Firmen sind schon reichlich. Und die Gruppe wächst auch.“ Professor Tilo Böhmann von der Universität Hamburg springt ihm zur Seite: „Die Zahl der Datenpunkte ist entscheidender als die Zahl der Firmen.“

Böhmann kommt aus dem Stall der Wirtschaftsinformatiker der TU München, dessen An-Institut fortiss das VOICE-Benchmark durchführt. Im Dunstkreis des Institutsleiters Prof. Helmut Krcmar sind schon zwei Benchmarks entstanden, die in der deutschen Vergleichslandschaft abseits der kommerziellen Anbieter eine Rolle spielen. Zusammen mit der European Business School in Oestrich-Winkel hat Krcmar Daten aus rund 200 Firmen gesammelt. Und zusammen mit dem CIO-Magazin häuft er seit 2007 Mitarbeiterangaben über die Zufriedenheit mit der internen IT an. Letzteres Benchmark fußt mittlerweile auf über 60 000 Fragebögen aus mehr als 200 Unternehmen.

„Die IT ist ganz gut durchvermessen“

Böhmann hat bei Professor Krcmar habilitiert und beobachtet das Benchmarking auch an der Uni Hamburg. „Die IT ist ganz gut durchvermessen“, sagt der junge Professor. Was allerdings als Forschungsfeld noch lange nicht ausgeschlachtet sei: „Da sind manchmal alle Zahlen auf Grün, aber der Kunde ist trotzdem unzufrieden.“ Also was tun? Böhmann findet, dass über Geschäftsprozess-Benchmarking mehr herauszufinden sei als durch das bloße Vermessen von Server-Leistungen. Genau in diese Richtung will er auch den Workshop auf der INKOP lenken: „Geschäftsprozesse – da sind zum Beispiel die Finanzdienstleister ganz vorne.“

Kruse pflichtet dem bei: „Wir hatten sogar mal darüber nachgedacht, aus dem Hardware-Benchmark auszusteigen“, ergänzt der Bahn-CIO: „Da können Sie nicht mehr viel dazulernen, wenn Sie einmal die Vergleichsdaten ausgewertet haben.“ Selbst beim Benchmarking von Services ist Kruse kritisch: „Das macht fürchterlich viel Arbeit, und wir kriegen nie mehr als 40 Seiten aus unserem Servicekatalog abgedeckt. Mehr geht nicht.“ Der Bahn-CIO klopft auf das 300 Seiten starke Werk, das die IT-Tochter DB Systel allen IT-Managern im Konzern angedeihen lässt. Alle Leistungspakete rund um die 1200 Anwendungen der Bahn sind darin aufgelistet. Rund 500 Anwendungen betreibt DB Systel selbst.

Die wesentlichen Pakete des Leistungskatalogs Benchmark-fähig zu machen sei schon eine Riesenanstrengung, sagt Kruse: „Wir picken uns die großen Elemente da raus. Das Kleinzeug schaffen wir nur stichprobenartig.“ Auf vier Mannmonate schätzt der CIO den Aufwand nur für den VOICE-Benchmark. Zwei Mitarbeiter wirken direkt daran mit, zwei weitere im Hintergrund, wenn es darum geht, die Service Level Agreements und Preise mit denen der anderen 21 Firmen zu vergleichen. Viermal im Jahr treffen sich alle Beteiligten – alles ziemlich arbeitsintensiv, was die Bahn zum VOICE-Benchmark beiträgt. Allerdings hat Kruse auch bisher bei allen Paketen mitmessen lassen.

Sei es da nicht sinnvoller, sich mit anderen Bahnbetreibern der Welt zu vergleichen, wo doch die Prozesse viel ähnlicher sind? Kruse verneint. Netzsteuerung in Frankreich sei zum Beispiel anders, weil alles in Pariser Kopfbahnhöfen zusammenlaufe. Japan und Kanada pflegten jeweils eine Stammstrecke mit lauter Stichstrecken. Andere Länder kommen dem deutschen Bahnnetz ebenfalls nur in Ansätzen nahe. Böhmann hält Benchmarking innerhalb einer Branche auch überhaupt nicht für sinnvoll. Das führe nur dann zu Erkenntnissen, wenn alle Beteiligten mit offenen Karten spielen – was selten der Fall ist, wenn Mitbewerber aufeinandertreffen. Dann doch lieber bei Be­kanntem bleiben: „Notes bei der Metro ist schließlich das Gleiche wie Notes bei der Bahn.“ Das widerspricht zwar ein bisschen dem Ansatz, Prozesse zu benchmar­ken. Aber genau darum soll es ja gehen beim Workshop der INKOP. Böhmann und Kruse wollen von den Teil­nehmern wissen, welche Bereiche sie für unterbelichtet halten. Und wo sie dann auch wirklich den Aufwand erbringen wollen, vergleichbare Daten zu erzeugen. Bei Prozessen wäre das natürlich am schönsten, macht aber verdammt viel Arbeit.

Mehr zum VOICE/FINAKI-Benchmarking-Programm: mehr

Alle Neuigkeiten ansehen